Unterweisung von Mitarbeitern mit Behinderung

Unterweisung von Mitarbeitern mit Behinderung

Das Spektrum der unterschiedlichen Arten von körperlichen, seelischen oder geistigen Behinderungen ist breit. Die Erscheinungsformen und Funktionseinschränkungen der jeweiligen Behinderung sind sehr unterschiedlich und damit auch die Relevanz für die Sicherheitsaspekte. Hier erfahren Sie, auf welche Besonderheiten Sie achten müssen.

Über den Autor

Holger Kück ist Geschäftsführer der KUECK Industries Ltd. Als Sicherheitsingenieur verfügt Holger Kück über langjährige Berufserfahrung. Die Unterweisung von Mitarbeitern gehört zu seinem Tagesgeschäft. Aufgrund eines eigenen Seminargeschäfts hält er für seine Leser Tipps und Methoden bereit, die einfach anzuwenden sind.

Eine Behinderung kann sich auf Sicherheitsaspekte auswirken wie:

  • Einschränkungen des Hör- oder Sehsinns bis zu völliger Blindheit und Taubheit
  • Bewegungsstörungen, z. B. aufgrund von Muskel- oder Nervenerkrankungen oder Wirbelsäulenschäden, die zu Lähmungen führen
  • körperliche Besonderheiten infolge von Kleinwuchs
  • körperliche Einschränkungen durch fehlende oder verkümmerte Körperglieder als Contergan- oder Unfallschäden
  • Erkrankungen, die zu zeitweiligen Störungen führen können, wie Anfallsleiden
  • seelische Erkrankungen und psychische Besonderheiten wie Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen
  • Menschen mit Lernschwierigkeiten, früher „geistig Behinderte“ genannt.

Arten von Behinderung

Auch wenn die Erkrankungen sich erheblich auf den Alltag und Beruf auswirken, wie schwere Formen von Diabetes oder Rheuma, spricht man von Behinderung. Wie die jeweilige Form einer Behinderung eines Mitarbeiters sich auf die Sicherheitsaspekte auswirkt, klären Sie in Ihren Gefährdungsbeurteilungen. Daraus ergeben sich dann meist auch die Punkte, die Sie in einer Sicherheitsunterweisung ansprechen müssen. Einige Beispiele finden Sie im Folgenden genannt.

Was alle Nicht-Behinderten über die Situation der Kollegen mit Behinderung wissen sollten

Ganz wichtig ist, dass Sie sich auch in Ihren Unterweisungen um Inklusion bemühen. Es mag Fälle geben, in denen Sie die individuellen Besonderheiten mit dem Betroffenen besser persönlich klären, beispielsweise, wenn ein Epilepsie-Gefährdeter stets einen Kopfschutz tragen muss. Es gibt aber auch viele Aspekte, bei denen es gerade aus Sicherheitsgründen notwendig ist, dass die Arbeitskollegen betroffener Mitarbeiter Bescheid wissen, z. B.:

  • wie man sich bei einem akuten Anfall eines Epileptikers verhalten sollte.
  • wie man angemessen reagiert, wenn ein unter Diabetes leidender Kollege bewusstlos wird.
  • wer sich auf welche Weise in Notfallsituationen, bei Brand oder bei Räumungsübungen um den Kollegen mit einer Behinderung kümmert.
  • warum und wie man einem lernschwachen Kollegen Arbeitsanweisungen andere Arbeitsanweisungen geben sollte.

Tipp: Bestimmen Sie Evakuierungshelfer, die Sie einem Mitarbeiter mit Sehschwäche oder eingeschränkter Mobilität zuordnen.

Sie müssen bei diesen Themen stets behutsam abwägen zwischen dem Wahren der Privatsphäre einerseits und den Sicherheitsanforderungen in Ihrem Betrieb andererseits. Es kann daher sinnvoll sein, dass Sie mit den betroffenen Mitarbeitern vorab sprechen und ihnen klarmachen, dass es nicht um Bloßstellung geht, sondern um die Sicherheit für sie selbst und ihre Kollegen. Wenn z. B. ein Diabetiker offen seine Situation schildert, kann das sehr überzeugend wirken und einer Verunsicherung im Notfall vorbeugen. Je nach Fall kann man eine schwierige Situation auch gemeinsam durchspielen und anschließend auswerten. Das ist z. B. unbedingt empfehlenswert für Notfallsituationen.

Das Reagieren der Betroffenen, aber auch der Kollegen (!) bei Brand, Explosion, Evakuierung, Räumung usw. spielt bei vielen Behinderungen eine noch größere Rolle als sonst. Hier kommen für Ihre Unterweisung „Verhalten im Notfall“ oft spezielle Themen dazu, wie z. B.

  • Haben Sie für mobilitätseingeschränkte Mitarbeiter spezielle Rettungshilfsmittel angeschafft wie Evakuierungsstühle? Dann lassen Sie im Rahmen Ihrer Unterweisung den Umgang damit einüben, beispielsweise das Retten über ein Treppenhaus oder eine Außentreppe.
  • Haben Sie für gehörschwache Mitarbeiter, die akustische Alarme oder Lautsprecherdurchsagen nicht wahrnehmen, Vibrationsmelder angeschafft, die auf alle Alarmsignale, z. B. von Brandmeldeanlagen, reagieren? Dann müssen Sie auch das korrekte Verwenden solcher angepassten Notfallsysteme unterweisen und absprechen, wer sich um Wartung, Prüfung, Batterien usw. kümmert.

Hinweis: Die Kosten solcher behindertengerechten Maßnahmen bekommen Sie oft erstattet.

Was Sie vor der Unterweisung klären sollten

Eine Sicherheitsunterweisung zu körperlichen oder anderen Behinderungen erfordert nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch eine gute Vorbereitung. Ziehen Sie dabei Ihren Betriebsarzthinzu, ggf. auch den Schwerbehindertenvertreter und den Betriebsrat.

Klären Sie vor Ihrer Sicherheitsunterweisung die folgenden Aspekte:

  • Sind meine Hilfsmittel für die Zuhörer geeignet? Welche meiner Materialien muss ich überarbeiten oder ganz neu konzipieren? Arbeitsschutzfilme sind prima, aber nur, wenn sie auch wahrgenommen werden, sprachlich komplizierte Folien bleiben für lernschwache Menschen unverstanden.
  • Sind Ort und Zeit für die Sicherheitsunterweisung geeignet? Denken Sie nicht nur an einen barrierefreien Zugang, sondern etwa auch daran, dass viele Menschen mit Behinderungen nicht in Vollzeit arbeiten. ››Welche Unterweisungsformen kann ich anwenden? Inwiefern werden meine akustischen, optischen, verbalen … Botschaften verstanden? Was kann ich auf welche Weise erklären und wer unterstützt mich dabei, z. B. ein Gebärdendolmetscher?
  • Bei welchen Aspekten muss ich – bzw. der Betriebsarzt – die Privatsphäre und den Datenschutz beachten?
  • Wie wirken sich Behinderungen meiner Mitarbeiter auf meine Unterweisungsinhalte aus, z. B. auf das Tragen von Persönlicher Schutzausrüstung? Auf Notfallsituationen? Welche Warnsignale kann ein Mitarbeiter möglicherweise nicht wahrnehmen? Inwiefern betrifft eine Behinderung die Rettungsmöglichkeiten?

Was Sie „Sicherheit“ einfach klären

Menschen mit Lernschwierigkeiten können Informationen per Vortrag, Formular oder PowerPoint-Folie oft nur eingeschränkt folgen. Das kann übrigens auch für Mitarbeiter mit Migrationshintergrund zutreffen oder Menschen mit eingeschränkten Lesefähigkeiten. Von den mehr als 7,5 Mio. funktionalen Analphabeten in Deutschland stehen viele im Arbeitsleben. Für alle diese Menschen hilfreich ist das Konzept „Leichte Sprache“. Es umfasst Regeln zur Sprache und Rechtschreibung, die ein Verständnis des geschriebenen oder gesprochenen Wortes erleichtern.

Wenn Sie Unterweisungen vor Mitarbeitern mit Lernschwierigkeiten halten, sollten Sie sich mit diesem Konzept befassen und Ihre Sprache und Materialien darauf einstellen. Das ist gar nicht so schwer und als Übung, sich verständlicher auszudrücken, durchaus zu empfehlen.

Behinderung

Hier finden Sie Unterstützung

Integrationsämter erfüllen die Aufgaben nach dem Schwerbehindertenrecht. Sie sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich organisiert, mal auf kommunaler Ebene, mal beim Landeswohlfahrtsverband o. a. Die Integrationsämter unterhalten Fachdienste, welche nicht nur die behinderten Menschen selbst betreuen und beraten, sondern auch den Arbeitgeber und die Vorgesetzten. Es gibt z. B. Fachdienste für hörgeschädigte oder für blinde Menschen. Nutzen Sie deren Kompetenzen. Beispielsweise können viele Gehörlose zwar Lippenlesen, doch bei komplizierten und schwierigen Themen sollten Sie auf Nummer sicher gehen. Für Schulungen und Unterweisungen für gehörlose Mitarbeiter können Sie auf professionelle Gebärdensprachendolmetscher zurückgreifen, die Ihnen Ihr Integrationsamt vermittelt. Möglicherweise können Sie auch einen technischen Berater, der Sie bei der behinderungsgerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen unterstützt, in eine Sicherheitsunterweisung einbinden.

Achten Sie darauf, dass in Ihrem Betrieb Sicherheit und Gesundheitsschutz nicht als Vorwand missbraucht werden, keine Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen. Weisen Sie auf die vielfältigen Unterstützungsangebote und finanziellen Hilfen hin. Die meisten Betriebe, die Mitarbeiter mit Behinderungen beschäftigen, machen gute bis sehr gute Erfahrungen.

 

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